Die Überleben wollen

Rezension von Sergej Kusnezows Das marmorne Paradies

In den Kellern einer ehemaligen Militärhochschule nahe Moskau lebt eine wenige hundert Personen umfassende, fast autarke Gemeinschaft, die Handel mit Karawanen aus der Moskauer Metro treibt. Eine dieser Karawanen bringt den schwer verletzten Max und die geistig verwirrte Dina mit. Max wird operiert, während er genest und von Polina versorgt wird, versucht Sergej Dina in einer Familie unterzubringen, doch nach kurzer Zeit „fliegt diese immer wieder raus“, weil sie in jedem männlichen Kind ihr eigenes, gestorbenes Kind erkennt und in Besitz zu bringen versucht. Denis, der Sohn von Sergej und Polina erlebt die Situation dank seiner Fähigkeiten (mentales Gehör) hautnah mit.

Eine Reise um zu überleben

Polina und Sergej sind beide, infolge der Teilnahme an einem Strahlenexperiment todkrank und haben nicht mehr lange zu leben. Als Max gerade erst genesen ist, stirbt Polina. Sergej, wissend, dass er selbst auch bald sterben wird, macht sich Gedanken, wie es mit seinem zehnjährigen Sohn weitergehen soll. In dieser Situation wird er empfänglich für die Rhetorik von Max, der ihn schließlich überzeugt mit nach Moskau zu kommen. Entscheidend ist die Information, dass der Wissenschaftler, der Polina und Sergej einst behandelte, noch lebe und womöglich in Besitz des Medikaments sei, der Sergej das Leben retten könnte.

Max und Sergej schmieden gerade noch den Plan, wie sie nach Moskau gelangen könnten, da greifen mutierte Killerhummeln die kleine Kolonie an und töten die Bewohner. Max, Denis, Sergej und Angin entkommen in letzter Sekunde durch einen Geheimgang.

Es gibt Leben da oben

Nach kurzer Flucht treffen die Vier auf die Talmenschen, eine Menschenart irgendwo zwischen Homo sapiens und Homo neanderthalensis, die die Vier in Gewahrsam nehmen. Während ihrer Gefangenschaft entdeckt Dennis eine Gabe, nämlich andere durch Handauflegen und Konzentration zu heilen. Dies führt zur Freilassung und Fortsetzung der Reise, die erst die Amazonen wieder unterbrechen. Die Amazonen sind eine Gruppe von Frauen, die ohne Männer leben. Das ist auch der Grund, weshalb die die Gruppe nicht weiterreisen darf – man braucht alle Männer für die Fortpflanzung! Schließlich kommt es zu einem Kompromiss und Max, Sergej und Denis ziehen weiter. Eben erst aus den reizvollen Fängen der Amazonen entkommen, verschleppen die Pygmäen, eine im Wald lebende, degenerierte Menschenart, Denis. Max und Sergej gelingt es, ihn zu befreien. Schließlich erreichen die Drei die Moskauer Metro. Sergej ist von seinen Erinnerungen überwältigt, zugleich kommt ihm Max immer suspekter vor, denn die Offiziellen der Station scheinen ihn mehr als nur gut zu kennen.

Sergej frohen Mutes endlich dem Arzt (Name?) gegenüberstehen, findet sich zusammen mit Max und Denis in einer grotesken Situation wieder: Der Arzt ist verschwunden und dessen Gefolgsleute ermordet. Klar geraten die Drei unter Verdacht, Max‘ Bekanntheit verschafft ihnen jedoch die notwendige Freiheit um den Arzt zu suchen. Dass Max nicht zufällig zu dem Bunker kam, erfährt Sergej auch. Schließlich finden Sie ihn und mit seinem Auftauchen erkennen sie auch schnell, wer nicht nur für die Morde, sondern auch für allerhand eigenartige Vorkommnisse entlang ihrer Reise verantwortlich zeichnete.

Wenig Knallerei, viel Charakter

So schlecht, wie Das marmorne Paradies in vielen Rezensionen dargestellt wird, ist der Titel nicht, auch wenn sich einige Kritikpunkte nicht leugnen lassen. Das marmorne Paradies ist im Vergleich zu anderen Büchern im Metro-Universum anders. Zentral sind nämlich die Charaktere und hier insbesondere Sergej und sein Sohn Denis. Kusnezow arbeitet Sergejs Sorgen, Emotionen und sein Schicksal sehr gut heraus. Die Hoffnung das Medikament doch noch zu bekommen und seinem Sohn ein Vater bleiben zu können, treibt ihn an, macht ihn dadurch für den Leser auch greifbarer.

Auffällig im positiven Sinne ist, dass Waffen und das „Abknallen“ nicht im Vordergrund stehen. Die anderen Reihentitel zeichnen sich teilweise durch besondere Brutalität aus, nicht so im vorliegenden Band, der eher auf intrinsische Motive setzt.

Zwiespältige Aspekte

Allerdings ist dafür die Handlung etwas schwach und bisweilen hanebüchen. Zudem gibt es einige Logikfehler zum Kanon des Metro-Universums bzw. zu den Büchern Glukhovskys. Die drei Flüchtlinge reisen tagsüber, also gerade zu der Zeit, die Glukhovskys als besonders gefährlich beschreibt. Überhaupt ist bei Kusnezow die Oberfläche weniger gefährlich als der Untergrund, denn sonst könnte es ja die Karawanen nicht geben. Dieser Umstand führt dazu, dass ein Kern des Metro-Gedankens (versuchte, gefährliche Oberfläche) ad absurdum geführt wird. Als Max, Sergej und Denis schließlich in der Metro ankommen, landen sie ausgerechnet auf den Stationen, die nach Glukhovskys Metro-Erzählung eigentlich unerforscht (Nowogirejow, Perowo), vom Einsturz bedroht (Nowokossino) bzw. verseucht (Ploschtschad Iljiitscha) sind. Sicherlich lässt sich das mit dem Kanon in Einklang bringen, Kusnezow unternimmt dies leider nicht.

Etwa zwiespältig ist die Sache mit dem Wunder heilenden Denis, die nicht so recht in das Metro-Universum zu passen scheint. Aber erstens gibt Kusnezow eine Erklärung für diese Gabe und zweitens weist das Metro-Universum so viele fantastische (und unwissenschaftliche) Elemente auf, dass dieser Aspekt allenfalls eine Frage des subjektiven Geschmacks ist.

Wo sind die Ungeheuer?

Kusnezow fügt dem Metro-Universum interessante neue Menschenarten hinzu, egal ob nun die Tal- und Höhlenmenschen, Amazonen, Pygmäen, leider degradiert er diese zu kapitelgebundenen Statisten. Sicher wäre es interessant gewesen eine dieser Menschenarten durch das ganze Buch zu begleiten, statt gleich vier verschiedene bruchstückhaft einzuführen. Treffend schrieb ein anderer Rezensent „Der Kontakt ist so lala“. Die Art und Weise, wie er über die Amazonen schreibt, ist wohl auch eine Frage des Geschmacks. Immerhin kommen Frauen vor, die zudem auch nicht gerade das Attribut „schwaches Geschlecht“ verdienen.

Trotz dieser neuen Menschenarten fehlen die Metro-typischen, mysteriösen und fantastischen Ungeheuer und Monster, die, wenn mit ihnen konfrontiert, zu ausweglosen Situationen führen. Irgendwie bleibt die Situation an der Oberfläche beherrschbar – und das hat nichts mit der typischen Metro-Atmosphäre mehr gemein.

Die Geschichte zur Geheimniskrämerei

Zwar vermutet der Leser von Beginn an, dass Max nicht einfach so bei Sergej und Denis auftauchte, doch leider lässt sich Kusnezow bis zur Ankunft in der Moskauer Metro Zeit, dies aufzulösen. Diese Auflösung kommt dann auch noch nach dem Motto „ach ja, ich bin ein Stalker und sollte euch suchen“. Das Potenzial dieses Geheimnisses hätte Kusnezow besser und spannender über den ganzen Plot hinweg aufbauen und pflegen müssen.

Der Bunker ein Paradies

Im Gegensatz zur Metro ist das Leben im Bunker nicht von Macht und Herrschaft geprägt, sondern weist republikanische bis aristokratische Strukturen auf. Die Menschen wissen um die Gefahren außerhalb des Bunkers, rücken deshalb zusammen und lassen den Egoismus weitgehend hinter sich. Man hilft sich gegenseitig, versucht das Bevölkerungswachstum zu regulieren und führt, ganz der Bürokratie verhaftet, Statistiken und Umfragen zur Lage durch. Mit etwas Fantasie lässt sich hier ein Augenzwinkern in Richtung der unsterblichen Bürokratie erkennen. Fast scheint es so, als gäbe es trotz der Postapokalypse noch etwas Gutes, ein Stück Normalität, leider lässt Kusnezow dieses Paradies untergehen.

Schade auch, dass er die Tiefgründigkeit und Detailliertheit aus dem ersten Teil Abschnitt des Buches (das Leben im Bunker) nicht im ganzen Buch fortführt.

Fazit

Trotz aller Kritik fesselt Kusnezow den Leser und streut geschickt rätselhafte Ereignisse in den Plot, die er, im Gegensatz zu anderen Autoren, am Schluss auch auflöst. Über das Happy End mag man, angesichts der düsteren, postapokalyptischen Metro-Kulisse, geteilter Meinung sein. Insgesamt schreibt Kusnezow sehr einfach, aber kurzweilig und das Buch liest sich gut von der Hand weg.

Diese Rezension erschien auch auf dystopischeliteratur.org.

Bibliografische Daten

Sergej Kusnezows: Das marmorne Paradies. Ein Roman aus Dmitry Glukhovskys Metro-2033-Universum. Originaltitel Mramornyj raj. Aus dem Russ. von Anja Freckmann. Deutsche Erstausgabe. München: Heyne 2011. 384 S.; kartoniert; ISBN 978-3-453-52861-1; EAN 9783453528611; EUR 14,00.-.

Tags: ,

Leave a Reply