Nichts haben wir besser gelernt, als Waffen zu bauen

Rezension von Andrej Djakows Hinter dem Horizont

Gerade noch rechtzeitig gelingt es dem Stalker Taran, seinem Stiefsohn Gleb, dem Mädchen Aurora, dem Stummel Sitting Bull, dem greisen Mechaniker Migalytsch, dem Chirurgen Natanowitsch (der Heide) und dem Mutanten Grennadi einem Killerkommando der Veganer zu entkommen und sich in den Raketentruck der Babylonier1 zu retten. Der handstreichartige Vormarsch des Imperiums der Veganer durch die Petersburger Metro gibt der Gruppe den Anstoß die Reise ins 10.000 Kilometer entfernte Wladiwostok anzutreten und den Gerüchten, um die sagenumwobene Siedlung Alpheios nachzugehen, deren Bewohnern es gelungen sein soll, die Radioaktivität zu neutralisieren.

Eine Reise mit ungeahnten Gefahren

Spoiler ahead! Während der langen Reise übersteht die Expedition unterschiedlichste Bedrohungen (Ölsucher, Pilzsporen, Doppelgänger), doch die größte Herausforderung entsteht als zwischenmenschlicher Konflikt zwischen Taran und Gleb.

An Fahrt gewinnt die Story in der Nähe des Jamantau-Komplexes2 im Ural, dort geraten Sitting Bull und Aurora in die Hände der Steppenhunde, einer archaischen Räuberbande, die die lokale Bevölkerung brutal unterdrückt und ausbeutet. Die Steppenhunde ermorden Sitting Bull, Aurora wird gerettet. Während der Befreiungsaktion treten plötzlich Soldaten auf, die vorgeben die Steppenhunde zu bekämpfen und die in Jamantau ihren Stützpunkt haben. Die Gruppe folgt den Soldaten in den Bunker, in dem sich eine Zweiklassengesellschaft etabliert hat: Oben die Soldaten, unten die Zivilisten.

An der Bekämpfung der Steppenhunde besteht kein wirkliches Interesse, ist diese Gefahr doch ein Anreiz für die Menschen sich in die Obhut der Soldaten von Jamantau zu begeben. „Es klingt vielleicht zynisch, aber unsere kriminellen Nachbarn sind äußerst nützlich. Die Angst vor diesen Typen hält die Leute viel eher bei der Stange, als wenn man ihnen ein besseres Leben verspricht“ begründet der Oberst seine Strategie. Letztlich zeigt sich, dass die beiden Gruppen unter derselben Decke stecken.

Ein kleiner Umweg

Nach einem vereitelten Fluchtversuch schließen Taran und der Chef der Soldaten eine Vereinbarung. Der Heide operiert den schwer kranken Oberst und Taran und seine Gefährten gehen einem mysteriösen Funksignal aus einer ehemaligen Atomraketenbasis nach. Die Gruppe macht dabei die Rechnung ohne Tarans Gegenspieler Sungat.

Tarans Gruppe findet den Raketenbunker, der ihnen eine Überraschung bereitet: einen Überlebenden, der sich noch immer im Krieg wähnt. Schnell beschließt die Gruppe weiter in Richtung Kaspisches Meer zu ziehen. Dort finden sie zwar Überlebende, diese verstecken sich allerdings vor der herannahenden Gefahr mutierter Raubvögel. In letzter Sekunde flüchten sich die Gefährten in einen Ekranoplan3, mit dem sie Wladiwostok erreichen.

Der Weg nach Wladiwostok

Statt Zeichen der Zivilisation zu finden, entdecken sie in Wladiwostok etwas anderes, nämlich die molchähnlichen Tritonen, die, trotz starker Strahlung, auf eigenartige Weise strahlungsfrei sind. Gleb erfährt durch telepathischen Kontakt mit dem Ichthyander4 „Nr. 8“, dass die Tritonen das Ergebnis genetischer Versuche des Militärs sind.

Taran und Grennadi dürfen die Tritonen an den Ort begleiten, der die Quelle des strahlungsfreien Trinkwassers ist. Und tatsächlich gibt es einen Wissenschaftler, der er es geschafft hat, die Radioaktivität zu neutralisieren, in dem er Radionuklide absorbierende Bakterien züchtet. Tatsächlich hieß das Projekt ursprünglich einmal Alpheios. Das Problem ist nur, dass die Bakterienpopulation nicht stabil genug für den Einsatz außerhalb des Labors ist. Durch Zufall gerät Grennadis Blut in eine der Bakterienkulturen und dieses entpuppt sich als Stabilisator. Grennadi opfert sich schließlich für die Bioremediation, indem er sich selbst tötet und sein Blut spendet.

Unterdessen entdecken Gleb und Aurora eine Menschenkolonie. Gleb beschließt dieses Wissen für sich zu behalten, um nicht ein ähnliches Ereignis wie die Vernichtung der Insel Motschtschny heraufzubeschwören.

Taran schleppt sich mit Glebs und Auroras Hilfe zum Flugzeug, dort angekommen erwartet sie Sungat, der sich unbemerkt an Bord des Ekranoplans retten konnte. In einem Entscheidungskampf sterben Migalytsch, Sungat und, nein, Taran überlebt mithilfe der Tritonen, während Gleb und Aurora an Bord des Fluggeräts mit Proben der Bioremediation fliehen.

Rasanter Ritt durch Russlands Einöde

Zu großen Teilen spielt die Handlung, wie schon im ersten Teil der Trilogie, an der Oberfläche. Das muss nicht schlecht sein, leider schafft es Djakow nicht, die beklemmende Metro-Atmosphäre auf seinen „Road-Movie“ zu übertragen.

An Action mangelt es der Handlung gewiss nicht, kracht und rumst es doch in nahezu jedem Kapitel. Trotz der tausende Kilometer langen Fahrt geht es rasant voran, nicht nur mit dem Truck selbst, sondern auch mit der Handlung. Dagegen fehlt es in den ersten beiden Abschnitten an einer nachvollziehbaren Story. Die Reise nach Wladiwostok taugt nicht als roter Faden, sie ist mehr Hintergrund als Fokus der Handlung, und eine bloße Aneinanderreihung von Actionsczenen als Geschichte zu bezeichnen, grenzt an Leserverdummung. Zu viel Action führt zu Langeweile.

Der Mensch ist des Menschen Wolf

Es wirkt fast so, als sei die Zuschaustellung der menschlichen Abgründe, mit all ihrer Brutalität und Unmenschlichkeit gegenüber dem Menschlichen selbst, der rote Faden in einer dichotomischen „Entweder ihr seid mit uns oder gegen uns“-Welt. So sinniert Taran „Sie oder wir, nur darum ging es“ als er einen anderen Stalker zielgerichtet vor Gelbs Augen erschießt. Problemlösung findet im Zweifel mit der Kalaschnikow statt.

Gab es in Reise in die Dunkelheit wenigstens Ansätze einer besseren Charakterisierung der Protagonisten, so verfällt Djakow in Hinter dem Horizont wieder in seine extrem schwache und stereotype Darstellung zurück. Letzteres zeigt insbesondere an dem Oberschurken Sungat.

Taran und alle anderen wirken wie bloße Statisten, die rumballern, Sprüche klopfen oder sich heldenhaft opfern. Auch Glebs Charakter wird nicht besser, im Gegenteil, er strapaziert den Leser mit seiner präpupertären Besserwisserei und dem Pseudokonflikt, den er mit Taran anzettelt. Wenn Djakow versucht hier eine Art von Coming-of-Age einzubauen, ist ihm dies nicht gelungen. Die Art wie Gelb Dinge erkennt haben kein Fundament in der Handlung, sondern treten plötzlich als Faktum auf. Auch die Aussprache zwischen dem Stalker und seinem Stiefsohn gerät zur Farce, weil vollkommen losgelöst vom Rest der Story.

Tarans Begründung, weshalb er sich Gleb einst annahm und welche Folgen das für sein Handeln hatte, bleibt in Anbetracht der beschriebenen Charakterschwächen wenig überzeugend. Die Metamorphose des Heiden vom alkoholkranken Chirurgen zum kompetenten Expeditionsarzt geschieht ebenso sprunghaft und erscheint wenig plausibel dargestellt.

Die lange Reise im Raketentruck hätte sicherlich eine interessante Charakterstudie im Stile eines Roadmovies sein können, denn dann wären die Protagonisten greifbarer und ihre Handlungen nachvollziehbarer.

Was den Menschen ausmacht

Djakow greift auch in Hinter dem Horizont wieder interessante ethisch-philosophische Aspekte auf, macht diese aber leider nicht zu einem durchgängigen Thema seiner Handlung. Stattdessen sind Fragen nach dem Wert eines Menschenlebens bzw. wo das Menschsein durch unmenschliche Handlungen aufhört, bloßes Beiwerk, quasi geistige Kollateralschäden der normativen Kraft des Waffeneinsatzes. So rechtfertigt Gleb Sungats Tötung mit der Begründung „Die Steppenhunde verdienen kein Mitleid. … Kann man Leute als Menschen bezeichnen, die sich am Leiden anderer ergötzen? Oder Leute, für die ein Menschenleben nichts zählt? Ich glaube nicht. Solche Leute gehören abgestochen wie tollwütige Hunde. Man muss sie jagen und vernichten, damit sie nicht noch mehr Unheil anrichten.“

Teile und Herrsche

Auch der Aspekt Herrschaft ist kurz, aber prägnant abgehandelt: „Nennen Sie es, wie Sie wollen … Der Sinn bleibt derselbe. Jemand muss hier das Sagen haben. Und da wir als Erste hier waren, bleibt dieses Recht uns vorbehalten“ begründet der Oberst seine Zweiklassenherrschaft und Sungat ergänzt später „Es klingt vielleicht zynisch, aber ich bin völlig zufrieden mit der jetzigen Situation. … Solange alles so bleibt, wie es ist, bedeutet Jamantau Einfluss und Macht! Macht und eine auskömmliche Existenz für ein paar Privilegierte.“ Treffender geht es nicht mehr, zumal sich Herrschaft, Macht und das Recht des Stärkeren durch das gesamte Metro-Universum ziehen.

Vielfältige Anleihen und Gegenwartsbezug

Djakow ergänzt das Metro-Universum mit weiteren Facetten, wie den mutierten Bärtierchen oder den menschenähnlichen Molchen (Kapcek5 lässt grüßen), und deutet an, dass der Einsatz von Kernwaffen Naturkatastrophen heraufbeschwor, die das Antlitz von Russland komplett veränderten. Wirklich tiefgründig und kritisch wird er dabei nicht.

Themen wie Gentechnik, Nanotechnologie und Nanoroboter und deren militärische Nutzung zieht Djakow als Erklärung für das abrupte Auftreten mutierter Lebewesen heran. So sagt Migalytsch „Seit die ersten Mutanten in der Metro aufgekreuzt sind, muss man an alles Mögliche glauben: an Kampfviren, Genmodifikationen und sonstigen Mist. Denn nichts hat die Menschheit in ihrer Geschichte besser gelernt, als Waffen zu bauen. Alle übrigen Erfindungen waren mehr oder weniger ein Nebeneffekt.

Dieser Kontext, Gen- und Nanotechnologie und die Forschung an den Radionuklide absorbierenden Bakterien fügen dem Metro-Universum eine wichtige wissenschaftliche Komponente hinzu.

Wiederkehrende Kritikpunkte

Stilistisch und erzählerisch ist Hinter dem Horizont ein Rückschritt im Vergleich zum Vorgänger. Eine holprige Sprache, eigentümliche, unpassende Wortwahl, einfacher Satzbau und der aufzählungsartige Stil tragen nicht zum Lesevergnügen bei. Bisweilen erscheint Hinter dem Horizont als Zumutung, wenn man seitenlang Ausdrücke wie „gepfefferten Anschiss“, „Ui, der Gockel kommt anmarschiert“ präsentiert bekommt.

Ein wiederkehrendes Problem sind Ungereimtheiten wie ein Sonnenaufgang im nuklearen Winter, Strahlungshotspots in Gegenden ohne Atombombendetonationen, unbewohnte Gegenden, die doch bewohnt sind, Tritonen, die plötzlich doch sprechen können, die junge Aurora kennt die Symptome der Taucherkrankheit etc. Dies könnte natürlich auch an der schnellen Handlung und dem hin- und herspringen zwischen den verschiedenen Erzählebenen liegen.

Als Fan liest man es dennoch

Hinter dem Horizont ist keine große literarische Leistung – wie zu erwarten war – und lässt sich eher als seichte Unterhaltung im Pulp Stil charakterisieren. Djakow hat viele Ansätze, sowohl in soziologischer wie wissenschaftlicher Hinsicht, die, wenn sie stärker im Fokus des Buchs gestanden wären, das Buch richtig interessant gemacht hätten. Der Schluss gerät, wie der gesamte, insgesamt sehr starke dritte Teil des Buches, zu kurz und zu hektisch, gerade dann, wenn es beginnt, richtig interessant zu werden. Immerhin fügt Djakow dem Universum weitere Facetten hinzu, die hoffentlich bei anderen Autoren auf Resonanz treffen. Als Fan des Metro-Universums lässt sich darüber hinwegschauen. Obwohl eigenständig lesbar, ist zu empfehlen, die beiden anderen Bücher der Trilogie (Die Reise ins Licht, Die Reise in die Dunkelheit) aufgrund der Vorgeschichte und den Bezugnahmen ebenfalls zu lesen.

Bibliografische Daten

Andrej Djakow: Hinter dem Horizont. Metro 2033-Universum-Roman. Originaltitel: Beyond the Horizon. Aus dem Russischen von Matthias Dondl. Deutsche Erstausgabe. München: Heyne 2013. Paperback, Klappenbroschur, 432 Seiten. ISBN: 978-3-453-31514-3, EUR 14,99.-

Dieser Artikel erschien auch auf dystopischeliteratur.org.

Fußnoten

1Die Babylonier, oder auch Seeleute, sind die überlebenden Bewohner der in „Reise in die Dunkelheit“ zerstörten Insel Motschtschny, die sich in der Petersburger Metro niedergelassen haben.

 

2http://de.wikipedia.org/wiki/Jamantau

 

3Ekranoplan war ein experimentelles Bodeneffektfahrzeug, das auch als „Kaspisches Seemonster“ bezeichnet wurde. http://de.wikipedia.org/wiki/Ekranoplan

 

4http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Amphibienmensch

 

5Karel Čapek: Der Krieg mit den Molchen; http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Krieg_mit_den_Molchen

 

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