“Ich bin so was von im Arsch”

Rezension von Andy Weirs Der Marsianer

dermarsianer

„Ich bin so was von im Arsch“ ist einer der anschaulichsten, aber auch einprägsamsten Einleitungssätze, vergleichbar mit Stephen Kings „Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm“, aus dem ersten Band des „Dunkle Turm“-Zyklus. Nun lassen sich Weir und King inhaltlich und genretypisch schlecht vergleichen, denn Weir vermischt Near Future Science-Fiction – wobei man das Fiction ruhig sehr klein schreiben, oder gleich ganz weg lassen darf – mit den Elementen der Robinsonade.

Marsmission Nr. 3

„Ich bin so was von im Arsch“, sagt der Marsastronaut Mark Watney, als er realisiert, dass ihn seine fünf NASA-Kameraden der Mission Ares 3 auf dem Roten Planeten zurückgelassen haben, als diese vor einem Sturm flohen und Watney für tot hielten. Der Marsmensch Watney steht nun vor dem Problem, wie er überleben soll. Die Ressourcen sind sehr beschränkt, egal ob Lebensmittel, Wasser oder technisches Equipment. Immerhin, Watney kennt den Landeplatz der nächsten Marsmission, die in zwei Marsjahren landen soll. Statt in Panik zu verfallen und sich dem Schicksal zu ergeben, analysiert Watney die Situation und berechnet – im wahrsten Sinne des Wortes – was er zum Leben benötigt und wie er es herstellen kann. Wasser stellt er unter Bedingungen her, die jedem Brandschutzexperten der Nase die Nackenhaare aufstellen lassen würde, aber auch Kartoffeln baut der überlebenswillige Marsbewohner und Botaniker an.

Auf der Erde bleibt das nicht unbemerkt. Mit Erschrecken stellt die NASA fest, dass Watney doch noch lebt, was die Situation verkompliziert, denn das ionenbetriebene Mars-Raumschiff Herkules, das sich mit dem Rest der Marscrew auf dem Rückweg zur Erde befindet, kann nicht gewendet werden. Während die NASA ihre Optionen durchgeht, bricht Watney zu seinem ersten Ausflug auf, der ihn zu niemand Geringerem, als dem alten Marsrover Pathfinder führt, die Watney umbaut und als Kommunikationsrelais mit der Erde benutzt.

Überleben ist kein Zuckerschlecken

Doch nicht alles läuft planmäßig. Watney steht immer wieder vor Problemen, die auf „Ich bin so was von im Arsch“ hinauslaufen. Mal wird er mitsamt der Luftschleuse des Wohnmoduls auf die Marswüste hinauskatapultiert und die Kartoffelernte geht im Quasi-Vakuum kaputt, mal schmort die Elektronik von Pathfinder durch oder er gerät in einen Sandsturm, überschlägt sich mit seinem Marsauto. Trotz aller Rückschläge meistert er jede Herausforderung und es kommt am Schluss zu einem Happy End.

Robinsonade auf dem Mars

Mit „Der Marsianer“ legt Weir eine Hard-SF Robinsonade vor, die er zunächst im Internet veröffentlichte, bevor der große Erfolg der Geschichte einen Verlag auf den Plan rief. Immerhin waren die Filmrechte kurze Zeit später schon verkauft. Niemand Geringeres als Ridley Scott wird den Stoff verfilmen.

Wissenschaftlich genau und technologisch sachlich beschreibt Weir die Marsexpedition, ganz ohne grüne Männchen. Weir erfindet keine mysteriösen Kästen, die alle Rätsel und Probleme lösen (so wie z.B. in der Satire „Redshirts“), sondern nutzt existierende Technologie. Seine einfache Sprache und die Art, wie er wissenschaftliche und technologische Sachverhalte, auch für Laien verständlich und nachvollziehbar erklärt, machen das Buch äußerst realistisch, und lassen die tatsächlich geplanten Marsmissionen nicht mehr als technologisches Unding erscheinen.

Wer Hadfields „Anleitung zur Schwerelosigkeit“ gelesen hat, weiß, dass Astronauten so ticken, wie Weir Watney beschreibt. Dieser Typus Mensch handelt rational und berechnet und sagt nicht, „geht nicht“, sondern „wie lösen wir das Problem“ oder „welche Probleme könnten auftreten“. In jeder Situation gilt es einen kühlen Kopf zu bewahren und bei Krisen nicht aufzugeben oder wie Hadfield schreibt „Sei bereit. Arbeite. Hart. Mit Freude!“ (S. 59). Von daher lässt sich Watneys Verhalten und sein beeindruckender Einfallsreichtum nachvollziehen.

Technik steht im Vordergrund

Womit wir auch schon bei einer möglichen Schwäche des Romans wären: „Der Marsianer“ ist quasi ein Sachbuch, eine „Anleitung zum Überleben auf dem Mars“. Menschliches, Emotionen kommen so gut wie gar nicht darin vor. Und hier wären wir wieder beim Vergleich mit Stephen King, dessen Charaktere sehr genau ausgearbeitet sind. Der Charakter Watney bleibt reduziert auf die Fähigkeiten, die ein Astronaut hat, und Watneys schwarzen Humor, mit dem er seine Erlebnisse kommentiert, mehr nicht. Keine Verzweiflung, keine Angst, keine Sehnsucht nach Freunden und der Erde. Allerdings umgeht Weir diesen Kritikpunkt, indem er Watney seine Geschichte tagebuchartig, in Form von Logbucheinträgen erzählen lässt. Es fehlt also der auktorialer Erzähler der die Situation aus menschlicher Sicht interpretiert und analysiert. Aber, besonders schlimm ist das nicht.

Ungefähr ab der Mitte des Buches erweitert Weir das Buch um weitere Handlungsstränge, die das Handeln auf der Erde und die Reaktionen auf der Herkules beschreiben.

Von einem Nerd für Nerds

Trotz vieler wissenschaftlicher Fakten bleibt das Buch spannend bis zum Schluss, auch wegen der vielen „Unfälle“, die sich ereignen. Als Leser fragt man sich von Kapitel zu Kapitel, welchen Rückschlag Watney als nächsten erleiden muss. Weir stellt den Mars als bitteren, stets präsenten Gegner da. Bis zum Schluss bleibt offen, ob er es schafft, er gerettet wird. „Der Marsianer“ ist ein Science-Buch – bewusst schreibe ich nicht Science-Fiction – dass begeistert, und von einem „Nerd“, wie sich Weir bezeichnet, für „Nerds“ geschrieben ist.

Andy Weir: Der Marsianer. Originaltitel The Martian. Übersetzt von Jürgen Langowski. München: Heyne Verlag 2014. Ebook; ISBN 978-3-641-14400-5.

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Wikipedia-Eintrag:

Rezension auf Phantastik Couch

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One Response to ““Ich bin so was von im Arsch””

  1. Sueder sagt:

    Ich habe mir jetzt “Der Marsianer” auf deine Empfehlung gekauft. werde es mal die Tage in Angriff nehmen.

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