Die Stille der Entdeckung

Eine Kurzgeschichte

„Räumst Du bitte Deine Spielsachen auf“ rief Christiane ihrem Sohn genervt hinterher, während dieser an ihr vorbeiflitzte, um dem Unvermeidlichen, dem Aufräumen, zu entfliehen.

„Ich spiele Raumschiff. Schuuuuuuuu“, entgegnete er und flog beinahe die Treppe hinauf, die zu seinem Zimmer führte.

„Gut, wenn Du nicht willst, dann gibt es eben kein Mittagessen“, murmelte Christiane dem nimmermüden Gassenfeger erschöpft nach. Seitdem er zu seinem Geburtstag ein Spielzeugraumschiff von Playmobil geschenkt bekommen hatte, spielte er mit fast nichts anderem mehr. Christiane zuckte mit der Schulter. Jeden Tag das gleiche Drama mit Elias, der, obwohl erst drei Jahre alt, einen Kopf wie Stahlbeton hatte, nie das wollte, was seine Mutter von ihm verlangt. Kinder eben.

„Was soll’s. Dann esse ich eben alleine“, brummte die Mittdreißigerin, nahm ihren Teller mit Spaghetti und setzte sich auf das Sofa, wissend, dass mit der langen italienischen Teigware immer genau das passiert, was man tunlichst vermeiden will.  „So ein Sch…eibenkleister“ konnte Christiane ihren Zorn über den roten Fleck, der ihr vom weißen Sitzpolster entgegenlachte, gerade noch in neutrale Worte verpacken. Auch in einer Zeit vollautomatisierter Haushalte, die auf Zuruf nahezu alles erledigten, ersetzte den Putzlappen noch immer keine zufriedenstellende Erfindung.

„OK, Haus“ rief sie in den Raum hinein, „die aktuellen Nachrichten und das Wetter bitte“. Im gleichen Moment fiel ihr wieder ein, dass Höflichkeiten für die Sprachsteuerung nicht von Belang waren.

„…alten um zu einer Pressekonferenz zur Europäischen Raumfahrtagentur ESA in Paris“ drang es aus den Lautsprechern der Multimediakonsole.

„Elias, kommst Du bitte!“ versuchte Christiane erneut ihr Glück.

„Nein, sitze ich in mein Raumschiff“ schallte es aus dem ersten Stock zurück.

„Na warte“ dachte sich Christiane, „dich krieg ich schon hier herunter“, als sie im Fernsehen eine startende Rakete sah.

„Schau mal, Elias, im Fernsehen fliegt ein Raumschiff.“

„Warte. Komme ich. Schuuuuuuuu” hörte sie den Kleinen rufen, als dieser freudig erregt die Treppe herunter hüpfte und sich, schnell wie Raumschiff Enterprise, auf das Sofa neben seine Mutter fallen ließ.

Mit Genugtuung sah Christiane Elias Spaghetti essen während er gebannt dem Feuerschweif einer in den Himmel steigenden Sojus-Rakete nachschaute.

„Nein! Umschalten! Rakete sehen!” schrie Elias enttäuscht, als das Bild umschaltete und statt des Feuer und Rauch spukenden Flugkörpers das Bild eines grau melierten Mannes zeigte, den Christiane als den Generaldirektor des ESA erkannte, Thomas Reiter.

„Meine Damen und Herren“, übersetzte die Spracherkennung die englischsprachige Rede des ehemaligen Astronauten, „Dies ist das Ergebnis von jahrelanger Forschung und Monaten intensiver Untersuchung durch die weltweit besten Wissenschaftler. Wie alle Entdeckungen …“. Der Rest des Satzes ging im Geschrei Elias’ unter.

“Umschalten, umschalten, Rakete sehen, Rakete sehen“ schluchzte er.

“Elias, da kommt bestimmt gleich wieder eine Rakete, iss doch so lange deine Spagetti”, schlug Christiane vor. Für den Moment schien dies zu helfen, denn, wundersamer Weise widmete sich Elias der Erforschung der unendlichen Weiten seines Nudeltellers.

„… die Tatsache, dass etwas von dieser Tragweite entdeckt wurde, ist eine Rechtfertigung für Europas Weltraumprogramm. Millionen Kilometer und Dutzende Jahre …“

Christiane nahm ihren Teller hoch, um nicht weitere marsähnliche rote Punkte zu erzeugen, während ein Teil von Reiters Rede in Elias’ Geschmatze unterging.

„… Entdeckung bestätigt wird, woran kein Zweifel mehr besteht, dann ist der heutige siebte August 2025 einer der atemberaubensten Einsichten in unser Universum, welche die Wissenschaft jemals aufgedeckt hat.“

„Komme endlich zum Punkt“ seufzte Christiane.

„Heute, freue ich mich Ihnen mitteilen zu dürfen, dass das Weltraumteleskop PLATO eine Entdeckung gemacht hat, deren Implikationen so weitreichend wie ehrfurchtgebietend sein werden. Es verspricht Antworten auf einige unserer ältesten Fragen. Meine Damen und Herren, wir sind nicht allein im Universum. Wir haben intelligentes Leben im All entdeckt.“

Christianes Teller fiel zu Boden. Das laute Geschepper verteilte sich im Haus, die Spaghettisoße spritze umher. Elias blickte verwundert seine Mutter an.

* * *

Und dann war er plötzlich da, der Moment, der das menschliche Dasein für alle Zeit verändern sollte. Der Augenblick, der das menschliche Denken auf ewig verwandeln sollte.  Der Zeitpunkt, der die menschliche Wahrnehmung bleibend umstürzen sollte.

Die Welt stand still.

Es waren Minuten, die sich wie Äonen anfühlten, die eine unendliche mentale Last über acht Milliarden Köpfen Bann brechen ließ. „Wir sind nicht allein“, die Bedeutung dieser Worte klar, die Implikationen dieser Worte unbegreiflich.

Stille. Schock. Neugier. Verwirrung. Angst. Befreiung. Der Augenblick danach, die Minuten nach den Worten vereinten so unterschiedliche Gefühle, Meinungen und Handlungen miteinander, ineinander, gegeneinander, die aber alle eines gemeinsam hatten: Milliarden Augen, blaue, braune, grüne und graue, bohrten ihre Blicke ins Firmament, egal ob Tag oder Nacht, Regen oder Sonne, Sommer oder Winter.

Stille. Frieden. Eintracht. Für einen Moment gab es auf dem blauen Juwel kein Wir und Die, kein schwarz und weiß, kein arm und reich. Es gab nur noch wir hier unten und die dort oben.

Editors Note:

Sein oder Nichtsein; vielleicht, vielleicht auch nicht – eine Fortsetzung dieser 2014 entstandenen Geschichte ist nicht sicher, da ich mir im Unklaren bin, wie ich sie fortführen möchte, oder überhaupt fortführen will. Ideen, Anregungen aber auch Kritik und Ermunterungen nehme ich gerne über die Kommentarfunktion entgegen.

Tags:

One Response to “Die Stille der Entdeckung”

  1. Sueder sagt:

    Ich würde die Geschichte in dem Stil fortsetzen. Also aus der Sicht der normalen Leute.

Leave a Reply