Notwendig um zu Überleben

Kürzestgeschichte aus dem METRO2033-Universum

Dunkelheit umfing mich. Anders als in der vergangenen Epoche flößte sie mir keine Furcht, kein Grauen und keine Panik ein. Dunkelheit ist Teil des Jetzt, ein Brocken des Seins und Alltag. Klar, ich kenne Ranger, die sind stolz auf ihre Nachtsichtgeräte, Restlichtverstärker und alle ihre technischen Spielzeuge, aber letztlich weiß man nie, ob die ganze Technik in ein paar Tagen oder Wochen, oder vielleicht nächstes Jahr noch funktionieren wird. Ich dagegen setzte auf den Tastsinn. In den langen, finsteren Tunneln gewöhnt man sich daran, wenig zu sehen, umso empfindlicher sind Ohren und der Tastsinn. Das ist der Grund, weshalb ich auf meinen weißen Langstock schwöre, der mir auch dann sicher den Weg weisen wird, wenn die Ranger über das Nichtfunktionieren ihrer ganzen Technik fluchen werden. Ich glaube früher, damals, vor der großen Dunkelheit, benutzten Menschen, die wirklich nichts sehen konnten, diesen Stock, um sich auf den Straßen zu orientieren. Straßen, noch so ein Relikt der alten Zeit, wenn auch äußerst nützlich, wenn man mal einen Abstecher an die Oberfläche machen muss. Zwar sind diese erdpechartigen Schneisen zwischen den Gerippen ausgebrannter Häuser in einem desolaten Zustand, dennoch bieten Sie ein schnelleres Vorwärtskommen, als das Tasten mit dem Langstock in den Höhlen unter der Erde. Allerdings rate ich jedem, nicht ohne Schutz nach draußen zu gehen. Ich hatte Glück, in einem alten Versorgungsbunker der Streitkräfte fand ich einen unbeschädigten Anzug, der aus, ich glaube das heißt, Gummi besteht. Auf der Kiste stand Zodiak, oder so ähnlich. Keine Ahnung, ob das der Name des Trägers war oder einfach nur ein Wort. Meine Erinnerungen an das Damals lassen von Tag zu Tag nach. Jedenfalls, in dem Anzug wird mir zwar schnell warm, aber er schützt recht gut und die Überreste irgendwelcher Kreaturen, die mir in den endlosen Häuserschluchten vor die Flinte laufen, gehen mit ein wenig Wasser ganz gut ab. Ich kann auch mal stürzen, ohne dass mein Schutz dahin ist. In letzter Zeit muss ich aber den Anzug auch im häufiger „da unten“ anziehen. Radioaktivität und anderes, widerliches zeug, dringt immer tiefer in die Schächte vor. Ich habe mal gehört, dass es eine Zeit gab, da stand mein liebstes Werkzeug unter starkem Beschuss, also nicht wörtlich, sondern eher, ja, wie soll ich das sagen, es wurde mit Worten beschossen, weil es nichts taugen würde, oder so. Aus der Praxis kann ich allerdings sagen, dass ich das nicht bestätigen kann. In fand es ebenfalls in besagtem Bunker – mein Sturmgewehr. Es hat irgendeine Abkürzung mit G oder so, aber das ist mir egal, zweitrangig, Hauptsache es funktioniert. Es leistet mir treue Dienste. Ich wehre damit die verstrahlten Monster an der Oberfläche genauso ab, wie ich mich gegen Diebe im Untergrund durchsetze und mich und meine wenigen Habseligkeiten schütze. Nun ja, manchmal benutze ich es auch, um mir etwas zu Essen zu beschaffen. Aber dafür sind Werkzeuge nun mal da. Ich muss zurück, nach unten, in die Dunkelheit, aber ohne Langstock, Zodiak und mein Sturmgewhr könnte ich hier, in dieser verstrahlten Welt, in der der Homo Sapiens dem Untergang geweiht ist und in der das wahre Antlitz des Menschen, seine grauenhafte Fratze, tagtäglich zu sehen, zu erleben ist, nicht überleben.

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Soweit ein kleine im METRO2033-Universum angesiedelte Kürzestgeschichte. Die ich relativ schnell im Mai 2016 zu Blatt gebracht habe (um damit an einem Gewinnspiel teilnehmen zu können). Kommentare sind – wie immer – gerne erwünscht.

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