Kein Rohr wie jedes andere

Rezension von de Vries‘ Einsatz von D-Leitungen

Buchcover Holger de Vries: Einsatz von D-Leitungen. Ausbildung und Praxis. Aus der Reihe: Fachwissen Feuerwehr. Landsberg am Lech: ecomed Sicherheit 2016, 120 Seiten, Softcover, ISBN 978-3-609-69807-6, 12,99.-

Fast mag der geneigte Fachleser irritiert fragen, wie es möglich (und ob es sinnvoll) ist, über das D-Rohr weit über hundert Seiten zu schreiben, doch schon im Vorwort stellt de Vries klar, dass das D-Rohr in den deutschen Feuerwehren stark unterschätzt wird und sich sein Nutzen erst langsam in der Praxis zu zeigen beginnt – ganz im Gegensatz zu anderen Ländern (und der deutschen Vergangenheit). Ausgehend von fehlender Ausbildungsliteratur über das D-Rohr will de Vries eine Lücke schließen und bietet mit dem Buch „Einsatz von D-Leitungen. Ausbildung und Praxis“ aus der Reihe Fachwissen Feuerwehr eine Abhandlung „in ingenieurswissenschaftlicher Qualität“ (S. 5) an.

Einleitend stellt er fest, dass das D-Rohr 1948 auftaucht, mit der Aufstellung des Luftschutz-Hilfsdienstes (LSHD) breiteren Erfolg findet, dann jedoch mehr oder weniger in der Versenkung, sogar aus der Norm verschwindet, obwohl es eine Reihe von Szenarien gibt, in denen das D-Rohr anderen Rohrdurchmessern weit überlegen ist. Das D-Rohr findet sich nicht mehr flächendeckend (außer an der Kübelspritze), sondern seine Berücksichtigung beschränkt sich nur mehr auf konkrete Einsatzzwecke (Beladungsmodul Waldbrandbekämpfung, ANTS). De Vries stellt außerdem fest, dass es keine wissenschaftlich-technische Begründung gegen D und für C gibt. Das C-Rohr als Standard habe sich eben „bewährt“, ohne dass diese Entscheidung hinterfragt werde. In den Worten de Vries‘ : „Die heutigen Fahrzeug- und Gerätenormen basieren also auf letztlich fragwürdigen Festlegungen aus der Zeit, als Häuser bzw. deren Decken und Wände aus Holz gebaut und mit Stroh isoliert wurden, die elektrischen Leitungen aus Aluminium bestanden und mit Baumwolle isoliert waren und die Feuerwehr pferdebespannt ausgerückt ist“ (S. 39).

Der Autor legt anhand verschiedener Berechnungen und eigener Praxisversuche dar, dass das D-Rohr dem C-Rohr ebenbürtig, ja sogar teilweise überlegen ist. Hinsichtlich des Löschmittelbedarfs, Applikationsraten, Volumenstrom, Wurfweite und der Leitungslängen steht das D-Rohr dem C-Rohr in nichts nach. Die Ergonomie ist ferner auf Seite des D-Rohrs. Er schreibt hierzu, dass „es auch weniger entscheidend für den Einsatzerfolg (ist), wie viel Wasser ein Löschfahrzeug mitführt, als wie mit diesem Wasser umgegangen wird“ (S. 14).

De Vries liegt den Fokus in seiner Abhandlung weniger auf die Taktik, z. B. für Vegetationsbrände (hierzu gibt es eigene Literatur in der gleichen Fachbuchreihe), sondern er vermittelt das „hydraulische Handwerkszeug“ (S. 5). Er stellt die spezifischen Vorteile, sowohl in ergonomischer, räumlicher und taktischer Hinsicht heraus.

De Vries schreibt direkt und redet nicht um den heißen Brei herum. Er belegt seine Behauptungen mit stichhaltigen Untersuchungen, und hinterfragt dabei bestehende Dogmen und nicht mit Kritik an diesen Dogmen. Als argumentative Entscheidungshilfe im Rahmen von Beschaffungen ist das Buch ebenso geeignet, wie zur Verbesserung von speziellen Taktiken, denn es ist das derzeit einzige Buch mit harten Fakten und Informationen zum D-Rohr auf wissenschaftlicher Basis. Das Buch sollte generell Anstoß dafür sein, alles das, was vermeintlich „bewährt“ ist anhand von Versuchen zu hinterfragen.

Mein persönliches Fazit: Selten habe ich Fachliteratur gelesen, die auf so kleinem Raum ein „bewährtes“ Weltbild kritisch anhand von Praxisversuchen und Mathematik hinterfragt, widerlegt und ins rechte Licht rückt. War ich anfangs skeptisch ob des Informationsgewinns, zog mich de Vries mit seinen Ausführungen sofort in den Bann.

Bibliografische Daten

Holger de Vries: Einsatz von D-Leitungen. Ausbildung und Praxis. Aus der Reihe: Fachwissen Feuerwehr. Landsberg am Lech: ecomed Sicherheit 2016, 120 Seiten, Softcover, ISBN 978-3-609-69807-6, 12,99.-

Links (extern)

Diese Rezension erschien am 12. Oktober 2016 im Feuerwehr Weblog.

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