Wir irren umher wie ruhelose Geister

Rezension von Andrej Djakows Die Reise ins Licht

Als literarischen Franchise lässt sich METRO 2033 auf beliebig unzählige Städte und Länder übertragen, das macht einen gewissen Reiz aus, kommt auf diese Weise im Plot ein wenig Lokalkolorit zum Tragen und der Fantasie, wie eine postnukleare Welt aussehen könnte, sind keine Grenzen gesetzt. Andrej Djakow verlegt den Schauplatz seiner Geschichte nach St. Petersburg, indes spielt die Metro der russischen Metropole bloß eine nachrangige Rolle in der Handlung. Analog zu Avoledos „Die Wurzeln des Himmels“ ereignen sich die Erlebnisse auf den Straßen, Tunnel und Kellern der einstigen Zarenstadt selbst.

Das Licht der Erlösung

Der Stalker Taran springt den Bewohnern der Station Moskowskaja bei der Abwehr eines Pterodon bei. Kaum hat er das vollstreckt, bitten ihn die Bewohner an einer weiteren Mission teilzuhaben. Von der Insel Kotlin, auf welcher der St. Petersburger Stadtteil Kronstadt liegt, gehen mysteriöse Lichtsignale in Richtung Festland aus. Die Propheten des Exodus, einer religiösen Sekte, die den Bewohnern der Metro Seelenheil versprechen, sehen in dem Lichtsignal ein Zeichen für die nahende Rettung. Als Lohn für die Teilnahme an der Operation fordert Taran den 12-jährigen Waisen Glen, den die Stationsansässigen, trotz anfänglich gespielten Widerstandes, am Ende wie Vieh verschachern.

Die Reise zum Licht

Das Lichtsignal spendet Hoffnung, einen Strohalm gleich ergreift die mächtige Primorski-Allianz dieses Zeichen und trommelt eine zehnköpfige Truppe zusammen, darunter Taran und Gleb. Wegen politischer Zerwürfnisse in der Metro und der größeren Gefahren im Untergrund, reist das Team oberirdisch ins vierzig Kilometer ferne Kronstadt.

Licht und Dunkel liegen nah beieinander

Auf der Oberfläche jagt eine abenteuerliche Episode die nächste, fast ohne Rast und einem Eilzug gleich erreicht die Einheit unter Verlusten die Newabucht und setzt auf das Eiland über. Was sie dort entdecken, lässt sie tief in die Abgründe des menschlichen Seins blicken.

Spoiler ahead: Das vermeintliche Rettung suggerierende Licht ist ein Mittel, Metrobewohner auf die Insel zu locken, die den dortigen Bewohnern als Nahrung dienen. „Nichts verwandelt einen Menschen so sehr wie sein Selbsterhaltungstrieb. Sobald dieser seine Wirkung entfaltet, treten moralische Werte in den Hintergrund“1, schreibt Djakow treffend. Die Lehre vom Exodus stellt ein zusätzliches Werkzeug dar, welches sich die Kronstädter ausgedacht haben, ihre künftigen Opfer zu bekehren. „Ja, ja, Junge, »Exodus« ist hier entstanden, in Kronstadt. Das schöne Märchen von der Arche … Als der Scheinwerfer montiert war, setzten einige Leute heimlich nach Petersburg über. So erschienen die Prediger in der Metro. Ich bin auch mit der Barkasse rüber – der Hunger hat mich getrieben“, rechtfertigt sich der Sektierer.

Taran, Gleb und der Mutant überleben den Einsatz und finden am Schluss tatsächlich ein Heil versprechendes Schiff, ziehen es dann jedoch vor, in die Metro zurückzukehren und Exodus zu bekämpfen.

Ausbaufähige Erzählweise

„Die Reise ins Licht“ wirkt wegen seiner einfachen Sprache und des jugendlichen Hauptprotagonisten eher wie ein Jugendroman. Gleb wächst während der Reise zu einem zukünftigen Stalker heran. Das allein darf keine Entschuldigung für manche Ungereimtheiten und Versäumnisse in Djakows Erstlingswerk sein. Abgesehen von vielen logischen Fehlern2, Wortwiederholungen und eigentümlicher Wortwahl3, fallen zwei Aspekte vornehmlich auf: Djakow kann sich nicht zwischen allwissendem Erzähler und dialogorientierter Erzählweise aus der Sicht von Glen entscheiden. Der Mangel an längeren Dialogen macht „Die Reise ins Licht“ unspannend und partiell vorhersehbar. Die wenigen Dialoge wirken hölzern, platt und aufgesetzt. Ebenfalls zu bemängeln ist die schwache Zeichnung der Charaktere, zu denen sich keine Beziehung aufbauen lässt, auch infolge der Erzählweise. Über Gleb und den unnahbaren Taran erfährt der Leser spärlich bis nichts.

Dieses Manko schlägt sich in einer äußerst rasanten Story nieder. Djakow erzählt zügig und hält sich nicht mit Trivia auf. Die Mission steht im Vordergrund, nichts anderes.

Postnuklearer Horror mit wenig Tiefgang

Freilich schafft es Djakow den typischen Metro 2033 Charme trotz Fehlen der klaustrophobischen und dunklen Tunnelatmosphäre zu vermitteln. Er fügt dem Metro Universum neue, abartige, dem nuklearen Holocaust entsprungenen Wesen hinzu. Gleichwohl nutzt Djakow die Chance nicht, mit seiner Vision der St. Petersburger Metro neue Akzente zu setzen, begnügt sich stattdessen mit einer Nachahmung von Glukhovsky Vision, abweichend z.B. Avoledo, der dem Universum durchaus neue Facetten hinzufügte. Komischerweise wirkt die Oberflächenversion von Metro 2033 bei Djakow echter als bei Avoledo. Das könnte auf die Szenerie zurückzuführen sein – in Russland scheint das Universum aus europäischer Leserperspektive deutlich besser zu funktionieren. Dies scheint überdies an unserem Bild von Russland zu liegen.

Djakows Idee verkörpert Solides, bloß die Umsetzung erscheint unzulänglich, es mangelt an neuen Ideen und Tiefgang, selbst wenn der Schlusssatz in Kapitel zwanzig Ansätze hierzu bietet. „Weißt du, Gleb, die vergiftete Welt ist nur halb so schlimm. Viel schlimmer sind die vergifteten Seelen. Wir sollten deshalb nicht mit der Suche nach unberührten Gegenden beginnen. Nach reinen Menschen müssen wir suchen.“

Bibliografische Daten

Andrej Djakow: Die Reise ins Licht: ein Roman aus Dmitry Glukhovskys Metro-2033-Universum. Aus dem Russ. von Olaf Terpitz. Dt. Erstausg. München: Heyne 2011. 382 Seiten; kart.; ISBN 978-3-453-52854-3; Preis EUR 14,00.

1 Erster Satz Kapitel 17

2 Z.B. Wieso kann Gleb schwimmen, wenn er noch nie Wasser in so großen Mengen gesehen hat?

3 Permanent benutzt Djakow das Wort „Meister“, wenn Gleb von Taran spricht. Entweder ist hier bei der Übersetzung etwas schief gelaufen, oder aber Djakow hat zuviel „Star Wars“ gesehen. Ebenso oft fällt das Wort „Gefährten“, wenn Djakow von der Gruppe spricht. Dabei kommt einen unwillkürlich das Bild von Hobbits, Zwergen und Gandalf in den Kopf. Anderes Beispiel für eigentümliche Wortwahl ist auch „Wegführer“.

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